„Ihr müsst nicht wegen jeder Kleinigkeit zu mir kommen. Entscheidet das doch einfach selbst.“ Gesagt. Genickt. Und drei Tage später liegt die nächste Entscheidung wieder auf deinem Schreibtisch.
Kommt dir bekannt vor? Mir schon. Und zwar nicht nur aus meiner heutigen Arbeit mit Führungskräften und Teams. Ich kenne auch die andere Seite: selbst Verantwortung abgeben wollen und sich gleichzeitig dabei ertappen, doch wieder einzugreifen. Viele Führungskräfte wünschen sich, dass ihre Mitarbeitenden mehr Verantwortung übernehmen, Entscheidungen selbst treffen und Themen eigenständig voranbringen. Und viele Teams wünschen sich gleichzeitig mehr Klarheit darüber, was sie eigentlich selbst entscheiden dürfen. Das Problem: Eigenverantwortung entsteht nicht dadurch, dass wir sie einmal aussprechen.
- Klärt, wofür eigentlich wer verantwortlich ist
„Ihr dürft mehr selbst entscheiden“ klingt großzügig, lässt aber eine entscheidende Frage offen: Was genau?
Wenn Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsräume nicht klar sind, entsteht Unsicherheit. Dann ist die Rückfrage bei der Führungskraft häufig nicht Ausdruck mangelnder Eigeninitiative, sondern schlicht die sicherste Variante. Frag deshalb nicht nur: „Warum entscheidet ihr das nicht selbst?“ Frag auch: Ist eigentlich klar, wer diese Entscheidung treffen soll und welchen Spielraum die Person dabei hat?
- Schau darauf, was du selbst tust, wenn dein Team entscheidet
Diesen Teil finde ich besonders spannend. Auch weil ich aus eigener Führungserfahrung weiß, wie schnell Anspruch und eigenes Verhalten auseinanderfallen können. Du willst, dass dein Team selbst entscheidet. Dann kommt eine Entscheidung, bei der du denkst: ‚Ähm … so hatte ich das jetzt aber nicht gemeint.‘ Und plötzlich ist die Versuchung ziemlich groß, doch wieder einzugreifen. Eigenverantwortung zeigt sich deshalb nicht nur darin, was du deinem Team erlaubst. Entscheidend ist auch, was passiert, wenn Menschen ihren Spielraum tatsächlich nutzen. Wird eine Entscheidung akzeptiert, auch wenn du selbst anders entschieden hättest? Oder korrigierst, steuerst und übernimmst du am Ende doch wieder? Wenn Verantwortung im Team bleiben soll, muss dort auch die Möglichkeit bestehen, Dinge anders zu machen als du. Das kann verdammt schwer sein.
- Verantwortung abgeben heißt nicht: sich rausziehen
Auf der anderen Seite bedeutet Eigenverantwortung nicht, als Führungskraft einfach einen Schritt zurückzutreten und zu hoffen, dass es schon läuft. Manche Teams brauchen zunächst mehr Orientierung, andere klarere Rollen, bessere Entscheidungswege oder regelmäßige Rückkopplung. Und manchmal haben Mitarbeitende über Jahre gelernt, dass wichtige Entscheidungen ohnehin oben getroffen werden. Solche Muster verschwinden nicht mit einem Satz. Genau deshalb schaue ich heute in meiner Arbeit selten nur auf die Frage: „Warum übernimmt das Team keine Verantwortung?“ Mich interessiert vielmehr, was zwischen Führungskraft, Team und den bestehenden Strukturen dazu führt, dass Verantwortung immer wieder an der falschen Stelle landet. Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger: „Wie bekomme ich mein Team endlich in die Verantwortung?“ Sie lautet: „Was braucht es bei uns, damit Verantwortung wirklich übernommen werden kann?“
Mein persönlicher Expertinnentipp:
Nimm eine konkrete Entscheidung, die in den vergangenen Wochen wieder bei dir gelandet ist, obwohl sie aus deiner Sicht im Team hätte getroffen werden können.
Und prüfe drei Dinge:
- War wirklich klar, wer entscheiden sollte?
- War klar, welcher Spielraum bestand?
- Und was hast du getan, als die Entscheidung bei dir gelandet ist?
Denn vielleicht liegt die Antwort nicht nur bei deinem Team. Und genau da lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Kati Boeckenhauer | heart & smart
Team-Entwicklerin & People Lead auf Zeit
www.heartandsmart.de
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